Wo gute Ideen herkommen (Teil 3/4)

Teil 3 zu dem Buch Wo gute Ideen herkommen von Steven Johnson, der die für produktive Umgebungen typischen Eigenschaftsmuster fünf und sechs (von insgesamt sieben) beschreibt (zu Teil 1 und Teil 2).

Muster 5: Irrtum

Dass Fehler wichtig sind – solange man aus ihnen lernt –, ist eine altbekannte Weisheit. Zwar gab und gibt es die Erfinder, die mit ihren Ahnungen und Ideen gleich richtig lagen, aber die Liste derer, die meilenweit danebengriffen, und das mehrmals, sei noch viel länger, so Johnson. Lee de Forest (Gitteraudion), Alexander Fleming (Penicillin), Louis Daguerre (Daguerrotypie), Wilson Greatbatch (Herzschrittmacher) sind nur einige Beispiele dafür. Vielen Erfindungen „ging als Initialzündung ein produktiver Fehler voraus – produktiv deshalb, weil der Fehler sich mit einer langsamen Ahnung verband“ (152). Irrtümer bereiteten einen Weg, der uns wegführt von bequemen Annahmen. Rechthaben lasse uns verharren, wo wir sind; Irrtum zwinge uns, zu forschen und zu erkunden.

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Ergebnis produktiver Fehler: Herzschrittmacher   [By J. Heuser (GFDL or CC-BY-SA-3.0), via Wikimedia Commons]

 „Wenn wir uns irren, müssen wir unsere Ahnungen infrage stellen, uns neue Strategien überlegen. Irren allein öffnet zwar noch keine Türen zum Nächstmöglichen, aber es zwingt uns, uns auf die Suche nach ihnen zu machen.“ (153f.)

Die Psychologin Charlan Nemeth von der Universität Berkeley konnte in verschiedenen Experimenten zum Verhältnis von Störfaktoren, Widerspruch und Kreativität in Gruppen nachweisen, dass gute Ideen eher in Umgebungen auftreten, die einen gewissen Anteil von Störfaktoren und Irrtum aufweisen. Allzu viel Homogenität, allzu viel Gruppendenken (Groupthink) schadet also eher. Innovationsprozesse unterliegen einem komplizierten „Wechselspiel zwischen Genauigkeit und Irrtum, zwischen Information und Störung“ (163). Genau solche Störfaktoren seien es, „die uns schlauer und kreativer machen, denn sie zwingen uns, unsere Meinung noch einmal zu überdenken (…)“ (163).

Muster 6: Exaptation oder kreative Zweckentfremdung

In der Zeit zwischen 1440 und 1448 entwickelte der Mainzer Goldschmied Johannes Gutenberg den modernen Buchdruck. Er bediente sich dabei der seit dem antiken Griechenland für die Herstellung von Wein und Öl bekannten Spindelpresse. Auch die beweglichen Lettern, das Papier, die Tinte – all das gab es bereits. Johnson beschreibt Gutenbergs Erfindung als klassischen Fall einer Zusammenführung bereits bekannter Techniken. Gutenbergs Genie habe nicht darin gelegen, aus dem Nichts ein gänzlich neues Gerät zu erfinden. Stattdessen habe er eine bereits ausgereifte Maschine genommen und sie zu einem vollkommen neuen Zweck verwendet. Diese Art der Zweckentfremdung ist in der Evolutionsbiologie als Exaptation bekannt. „Exaptation bedeutet, dass ein Organismus zu einem ganz bestimmten Zweck ein ganz bestimmtes Merkmal entwickelt und dieses Merkmal später für eine völlig andere Funktion verwendet.“ (169) Beispiel Vogelfedern. Sie dienten ursprünglich ausschließlich dem Schutz vor Kälte. Später stellte sich mit den ersten Gleitversuchen des Archäopteryx mehr oder weniger zufällig heraus, dass die Federn für eine bessere Luftströmung der Flügel sorgten. In der Natur, so Johnson, stießen Mutation, Irrtum und Serendipität Türen zum nächstmöglichen auf, und Exaptation versetze uns in die Lage, die Möglichkeiten zu erforschen, die hinter diesen Türen liegen.

Johnson räumt mit der Vorstellung auf, der Mensch hätte Kultur und Technik stets zielgerichtet entwickelt wie ein Ingenieur. Nicht selten ist er aber vielmehr wie ein Archäopteryx vorgegangen, der vom Baum hüpft und feststellt, dass Federn auch noch zu etwas anderem nützlich sind, als nur als Wärmekleid. Lee de Forests Audion war ursprünglich als Empfänger und Verstärker für elektromagnetische Wellen entwickelt worden. Die Vakuumröhre mit einer dritten Elektrode, dem Gitter, zwischen der Kathode und der Anode (daher heute als Triode bekannt), hatte er als Verstärker eingesetzt, der Signale lauter machte. Später wurde sie als Wandler exaptiert, der Signale in Einsen und Nullen umwandeln konnte. Mehr als 17.000 dieser Elektronenröhren waren im Electronic Numerical Integrator and Computer (ENIAC) im Einsatz, dem ersten rein elektronischen Universalrechner, der der US-Armee zur Berechnung ballistischer Tabellen – unter anderem für die erste Wasserstoffbombe – diente.

Triode tube 1906

Zweckentfremdet: Lee de Forests Audion [By Gregory F. Maxwell <gmaxwell@gmail.com> PGP:0xB0413BFA (GFDL 1.2), via Wikimedia Commons]

Johnson weist darauf hin, dass Umgebungen, in der verschiedenste Berufe und Berufungen aufeinandertreffen und sich überlappen, der ideale Nährboden für Exaptationen seien. Das ist vielleicht nicht weiter erstaunlich. Nicht selten handelt es sich um öffentliche Räume, die der Soziologe Ray Oldenburg in seinem Buch The Great Good Place als „dritte Orte“ bezeichnet – Orte abseits vom eigenen Zuhause oder dem Büro. Die englischen Kaffeehäuser im 18. Jahrhundert, Sigmund Freuds Salon oder die Pariser Cafés – sie alle haben ihren Anteil an der Entstehung und Weiterentwicklung guter Ideen. Wie wichtig die Vernetzung mit anderen ist, haben auch die Untersuchungen von Martin Ruef (Stanford Business School; heute Duke University) und Ronald Burt (University of Chicago Booth School of Business) gezeigt. Sie sind weitere Belege für den Erfolg des „Kaffeehaus-Modells“. Die besonders kreativen Personen, so Johnson, hätten stets ein breit gefächertes soziales Netzwerk unterhalten, das weit über die eigene Organisation hinausreicht und zu dem Menschen aus ganz unterschiedlich Fachrichtungen gehören (Ruef); innerhalb von Unternehmen seien die innovativsten Mitarbeiter diejenigen, die die Gräben zwischen den Abteilungen überbrückten (Burt).

Diese Erkenntnisse, so Johnson weiter, bestätigen nicht zuletzt das, was der Soziologe Mark Granovetterthe strength of weak ties“ genannt hat. In seinen Untersuchungen zu sozialen Netzwerken fand Granovetter schon in den frühen 1970er Jahren heraus, dass gerade die schwachen Verbindungen für Erfolge der Akteure im Netzwerk sorgten. Mit Blick auf Exaptation leisten diese schwachen Bindungen einen wichtigen Beitrag:

„Sie verbessern nicht nur den Informationsfluss innerhalb des Netzwerks, weil Information nicht in inselartig abgeschlossenen, eng vernetzten Gruppen versandet. Geht es um Innovation, ist es ganz entscheidend, dass auch Information aus vollkommen anderen Kontexten und Systemen zur Verfügung steht.“ (183)

Ein Gedanke zu „Wo gute Ideen herkommen (Teil 3/4)

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